Jan
11
2010
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Gleich zu Beginn des neuen Jahres fühlte sich das CDU-Kreistagsmitglied Rolf Berend offenbar genötigt, sich zu Fragen der Bildungspolitik zu äußern. Leider ließen diese die gebotene Sachlichkeit vermissen und waren gespickt mit ideologischer Täuschungsrhetorik - wie wir diese von den Gegnern des gemeinsamen Lernens gewohnt sind, die sich der Faktenlage systematisch verschließen. Und dies dient dann immer wieder dazu, notwendige Reformen, auch in Thüringen, zu verhindern und das aus Kaiserzeiten stammende überkommene 3-gliedrige Schulsystem zu zementieren. Als Kronzeuge gegen ein integratives Schulsystem führte Herr Berend ausgerechnet Frankreich ins Feld, genaugenommen Äußerungen eines (nichtgenannten) französischen Erziehungsministers, die dieser „vor geraumer Zeit verkündete“. Das überrascht, da in Frankreich, wie in Skandinavien, besonders langes gemeinsames Lernen erfolgreich praktiziert wird. Tatsächlich soll das ab Klasse 10 beginnende französische Gymnasium (Lycée) mit Schuljahresbeginn 2010/2011 reformiert werden. Keine Rede ist aber von einem Abrücken vom langen gemeinsamen Lernen. Es soll künftig einfach möglich sein, die Wahl des gymnasialen Bildungsgangs rückgängig zu machen, ohne zwangsläufig die Klasse wiederholen zu müssen, wie es heute üblich ist. Als Kernelemente der Reform des Lycée nannte Erziehungsminister Luc Chatel am 19. November 2009 beim europäischen Salon für Bildung in Paris: fortschreitende Spezialisierung, individuellere Betreuung der Schüler, stärkere Akzentuierung des Fremdsprachenerwerbs, Aufwertung der künstlerischen und kulturellen Bildung und eine stärkere Förderung des selbstständigen Arbeitens. Bei unideologischer Betrachtung könnten wir sicher von Frankreich einiges lernen. Frankreichs Schule ist vier großen Prinzipien verpflichtet: gleiche Zugangschancen, keine Diskriminierung, Neutralität und Laizität. Im Gegensatz zu Deutschland ist die Ganztagsschule die Regel und bis zum Ende von Klasse 9 wird gemeinsam gelernt. Neben der Schulpflicht für die Kinder zwischen 6 und 16 Jahren wird das Recht auf Schulbesuch ab dem 3. Lebensjahr garantiert, was auch zu 99% genutzt wird. Die Kinder werden dort spielerisch an das Lernen herangeführt und lernen vor allem auch soziales Verhalten. Zugleich ist diese Vorschule (école maternelle) ein wirkungsvolles Instrument für die Integration von Kindern aus sozial benachteiligten Schichten. So schaffte es Frankreich, den Anteil der Abiturienten eines Jahrganges von 3% im Jahre 1945 über 25 % 1975 auf 66,4% 2009 zu steigern. Politisches Ziel ist es, wie in Skandinavien, bis zu 80% zu erreichen. Für Deutschland sind das unerreichte Traumzahlen. 2004 gab es bereits eine umfassende Schulreform, um sozialen Ungleichheiten entgegenzuwirken. Aber es wurde nicht von dem in den meisten Ländern - außer Deutschland und Österreich - praktizierten integrativen Schulsystem abgerückt. Und selbst Österreich arbeitet daran, von der frühen Selektierung auf die integrative Beschulung umzustellen. Hierzulande rufen Pädagogen und Bildungsexperten aus Wissenschaft und Wirtschaft seit langem nach solchen Veränderungen - und dies sicher nicht aus ideologischen Gründen. Bisher sind aber notwendige Schulreformen hierzulande an Ideologie und Halbwissen gescheitert. Die allermeisten Länder in Europa haben das überwunden. Auch hier können wir lernen: 2005 gab Frankreich für Bildung 6,9 % des BIP aus. Das war der höchste Durchschnitt der OECD-Länder. |




